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Familienrezepte: Wenn Essen nach Heimat schmeckt

Traditionsgerichte sind wahre Seelen-Schätze: Sie wecken Gefühle und Erinnerungen an früher. Doch das Kulturgut droht verloren zu gehen


Für viele ein Klassiker aus Kindheitstagen: Königsberger Klopse

Einmal im Jahr ist es so weit: Die italienischen und indischen Kochbücher landen im Regal ganz weit hinten, und handgeschriebene Rezeptsammlungen mit deutlichen Gebrauchsspuren kommen zu ihrem Recht: An einem Fest wie Weihnachten kann es schon mal passieren, dass Vegetarier mit sich ringen, wenn sich die Familie um die gefüllte Kalbsbrust setzt. Kalorienzähler vergessen plötzlich jegliches Maß, wenn der Butterstollen aufgetischt wird oder Großmutter ihre Vanillesoße über die Bratäpfel gießt. Ehefrauen wundern sich nur noch, wenn ihre Männer bei Muttern ohne Murren Berge von Würstchen mit Sauerkraut vertilgen – obwohl die auf der Favoritenliste eher weiter unten rangieren.

Warum ist das so? Warum geraten wir kollektiv ins Schwärmen, wenn wir an Krautrouladen oder Pfannkuchen mit Marmelade denken? „Weil Essen immer ein bio-psycho-soziales Totalphänomen ist“, fasst der Stuttgarter Ernährungsverhaltensforscher Professor Ulrich Oltersdorf diese Nostalgie zusammen. Einfacher ausgedrückt: Wir essen auch Gefühle.


Grießschnitten gegen Heimweh

Denn Omas Zimtsterne oder Mamas Kartoffelsalat sind im weitesten Sinn keine Nahrungsmittel. Solche Gerichte sind Erinnerungstruhen und mit persönlichen Situationen und Erfahrungen verknüpft. Und die lassen das Essen nach schneekalten Schlittennachmittagen schmecken, beschwören den Duft nach Schwimmbad mit Brause herauf oder zaubern das vor Jahrzehnten verlassene Heimatdorf in das Esszimmer zurück.



Krautwickel schmecken nach Omas Rezept am besten

„In einer Gesellschaft, die durch eine fast beunruhigende Angebotsvielfalt geprägt ist, werden wir ständig dazu gezwungen auszuwählen“, erklärt Oltersdorf. „Deshalb sehnen wir uns nach Regeln, nach Altbekanntem, mit dem wir Ereignisse aus unserer Biografie verbinden. Das beruhigt, gibt dem Leben Struktur und schafft Sicherheit und Geborgenheit.“

Essen als Kulturgut

Dazu gehört auch, immer wieder zur gleichen Zeit, zum gleichen Anlass zusammenzukommen. Das erst macht aus Essen eine Mahlzeit und aus der Mahlzeit ein Ritual. Wie sinnstiftend solche Routinen sind, betont Professorin Christine Brombach, Ernährungsoziologin aus Zürich. „Rituale, gerade beim Essen, sind wichtig, weil sie mit Zusammengehörigkeit und dem Daheimsein zu tun haben.“

Noch ist das Koch- und Rezept-Wissen der heute 60- bis 80-Jährigen ein verlässlicher Anker in diesem Meer an Snacks und Fertiggerichten. Die Fähigkeit der Älteren, aus Hefe, Mehl, Milch und Eiern die besten Dampfnudeln oder Hefezöpfe herzustellen, ist wertvolles Kulturgut, das es zu erhalten gilt. Denn dieser Schatz droht langsam zu versinken: Für junge Berufstätige bleibt im Alltag kaum Zeit, Klassiker auch mal selbst zu kochen, um daraus eigene Varianten zu entwickeln und Traditionen fortzuführen.

Tradition lebendig halten

Manchmal aber fehlt schlicht das Wissen – Anlass für zwei Hamburger Frauen, den Schatz wieder zu heben. Birgit Hamm und Linn Schmidt, selbst leidenschaftliche Köchinnen, haben festgestellt, dass man mit gefüllten Paprika heute wieder richtig Furore machen kann. Die beiden Autorinnen sammelten ihre Lieblingsessen aus der Kindheit, ließen die Rezepte von verschiedenen Großmüttern aufschreiben und machten daraus ihr Buch „Heimweh-Küche“. „In diesen alten Rezepten“, schwärmt Birgit Hamm, „steckt symbolisch die Wärme des Herdfeuers, nach der wir uns alle sehnen.“



Elke Schurr / Senioren Ratgeber; 06.02.2012
Bildnachweis: Stockfood/Susie M. Eising, W&B/DORLING KINDERSLEY VERLAG GMBH

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